Komfortzonen und Herausforderungen

Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende zu und „zwischen den Jahren“ findet sich endlich etwas mehr Ruhe und Zeit, um das Erlebte Revue passieren zu lassen. Der erste Gedanke, der mir bei einem Rückblick durch den Kopf ging, war: wow, was für ein Abenteuer. Und das war es wirklich. In den letzten Jahren habe ich nie so viel Neues gelernt, nie so oft meine Komfortzone verlassen, nie so oft neue Herausforderungen angenommen, wie im Jahr 2019. Es beinhaltete viel spannende und herausfordernde erste Male:

Das erste Mal:
… die Verantwortung für 25 Lebewesen und deren Wohlergehen übernehmen
… völlig neue Tagesroutinen entwickeln, die nicht selbst- sondern tierbestimmt sind
… Schafe in einen Anhänger verladen und sie transportieren
… von einer Weide zur nächsten mit den Schafen zu wandern und dabei völlig vertrauen
… all den notwendigen Papierkram erledigen
… einen Schafscherer buchen und die Schur unterstützen
… Strickgarn von den eigenen Schafen in den Händen halten
… und, und und

Insbesondere der Punkt „Schafe in einen Anhänger verladen“ führte vor einiger Zeit zu einem Schlüsselerlebnis: nachdem wir den Bock Henry abgeholt hatten, mussten auch die Schafdamen eine neue Weide bekommen und dafür per Anhänger transportiert werden. Nach der langen Fahrt war bei uns schon viel Energie weg und es lag ein gewisser Zeitdruck auf dem Vorhaben, da es bald dunkel werden würde. Und es klappte gar nichts. Die Schafe wollten auf keinen Fall in den Anhänger; selbst zu viert haben wir es nicht geschafft. Insbesondere zwei Schafe sind im letzten Moment immer wieder an uns vorbei gerannt und wir konnten von vorne anfangen. Auch Dawn scheiterte – zumal sie nach einem Zwischenfall den Schafen eh nicht gerade sehr selbstbewusst gegenüber tritt. Nach einer Stunde erfolglosem Tun und am Rand der Verzweiflung brauchten wir alle erstmal eine Pause: tief durchatmen, entspannten und den Stresspegel etwas herunterfahren. Währenddessen erinnerte ich mich an einen kleinen „Low Stress Stockmanship Crashkurs“ und beschloss, es nach diesen Prinzipien zu versuchen.

Dabei geht es um eine präzise Tierbeobachtung und das gezielte Spiel mit Druck (aufbauen oder reduzieren), um den Tieren zu signalisieren, wohin sie laufen sollen. Weidetiere sind Fluchttiere und Druck entsteht durch körperliche Präsenz oder einem fixierenden Blick. Border Collies arbeiten z.B. vor allem mit dem fixierenden Blick bzw. Anstarren. Je höher der Druck ist, desto mehr wird der Fluchtreflex ausgelöst. Nähere ich mich einem Schaf, erhöhe ich den Druck und erzeuge das Bedürfnis zu fliehen. Entferne ich mich von dem Schaf, reduziere ich den Druck und den Fluchtreflex. Je nachdem von welcher Seite oder in welchem Winkel ich mich nähere, kann ich so auch steuern in welche Richtung das Tier läuft. Und das alles ohne Rufen, Klatschen, Scheuchen oder Berührung. Soweit jedenfalls die Theorie.

Bereits beim ersten Versuch ist mir aufgefallen, wie sehr man anhand der Körpersprache der Schafe erkennen kann, ob sie entspannt sind oder ob sie sich bedroht fühlen und was sie als nächstes Vorhaben. Ich teilte den Helfern jeweils mit, ob sie aufgrund des Tierverhaltens einen Schritt vor bzw. zurück machen oder einfach warten sollten. Durch ruhiges, langsames Vorangehen und Stehenbleiben, wenn die Schafe in die richtige Richtung liefen, hatten wir sie fast alle im Anhänger. Eine zu frühe und hastige Bewegung (also zu viel Druck) hat dann jedoch wieder zur schnellen Flucht an uns vorbei geführt. Im nächsten Versuch klappte es besser, aber als alle Schafe schon im Anhänger waren bzw. noch auf der Rampe standen, drehte sich eine Schafdame wieder um, bereit zurück auf die Weide zu laufen, und schaute mich direkt an. In ihrem Blick war Ruhe aber auch etwas Herausforderndes. Intuitiv wäre man auf dieses Schaf zugegangen und hätte versucht es weiter zu scheuchen. Wir sind aber einfach stehen geblieben und haben es beobachtet. Kein Scheuchen, kein Wedeln, kein Rufen. Nur stehen und beobachten. Gefühlt dauerte dieses gegenseitige Anstarren mehrere Minuten lang. Dann plötzlich drehte sich das Schaf um, ging völlig entspannt in den Anhänger und wir konnten die Klappe schließen.

Dieses Gefühl gerade ein mentales Kräftemessen bestanden zu haben, hat mich noch Tage danach beschäftigt. Dieses Kräftemessen passierte dabei nicht zwischen Schaf und Mensch, sondern zwischen einem gestressten, unausgeglichenen Individuum und einem in sich ruhenden, ausgeglichenen Individuum. Es fühlte sich an, als würde die Schafdame sagen wollen: „Na? Wie bestimmt meinst du es, dass wir jetzt in den Anhänger sollen? Hältst du es aus, in Ruhe auf mich zu warten oder brauchst du noch eine Runde?“.

So wie wir Lebewesen gegenübertreten, so reagieren sie auf uns. Sind wir gestresst, genervt und gehetzt nehmen wir unser Gegenüber gar nicht wirklich wahr. Wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht und können nicht darauf eingehen. Wir handeln dann nicht kooperativ sondern nur unserem eigenen Befinden folgend. Im Gegenzug hat auch unser Gegenüber kein Interesse daran uns wahrzunehmen und mit uns zu kooperieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob unser Gegenüber tierischer oder menschlicher Natur ist…

In diesem Sinne wird mein größter Vorsatz für das neue Jahr sein: bewusst wahrnehmen und beobachten. Im Hier und Jetzt sein und sich nicht von Terminen und Aufgaben vom Wesentlichen ablenken lassen.

Euch allen einen schönen Start ins neue Jahr 2020.